Was hat der erste Lockdown bewirkt?

L. Zöller

Was hat der Lockdown bewirkt? © Pexels Anna Shvets

Die strikten Lockdown-Maßnahmen in Deutschland wurden in den letzten Wochen zunächst langsam, dann immer schneller zurückgefahren. Dies geschah auch unter dem Druck einer zunehmend kritischen Öffentlichkeit, die, angefeuert von Verschwörungstheoretikern, aber auch von einigen ernstzunehmenden Wissenschaftlern, die staatlich verordneten Einschränkungen immer mehr ablehnte. Zweifel am Sinn und an der Notwendigkeit der Lockdown-Maßnahmen wurden laut, bis hin zu der Behauptung, Corona sei ein kolossaler Fehlalarm gewesen. Dabei werden allerdings häufig nur die Kosten und wirtschaftlichen Kollateralschäden des Lockdowns betrachtet, während der Benefit der Maßnahmen im Sinne von verhinderten Infektionen und Todesfällen nicht beziffert werden kann.

Im Hinblick darauf scheint uns eine Publikation in der Fachzeitschrift Nature vom 8. Juni 2020 interessant, deren Autoren den Effekt der staatlichen antiepidemischen Maßnahmenpakete, wie Schließung von Restaurants, Maskenpflicht oder Reisebeschränkungen, untersuchten (https://www.nature.com/articles/s41586-020-2404-8). Ihr Ziel war es, die pauschale Wirkung dieser Interventionen (unabhängig von den Einzelmaßnahmen) zu quantifizieren. Dazu wurden Daten von 1.717 lokalen, regionalen und nationalen Interventionen in 6 Ländern (USA, China, Südkorea, Italien, Iran, Frankreich) mit ökonometrischen Methoden untersucht. Gemessen wurde in der frühen exponentiellen Phase der Epidemie die Zunahme der Fallzahlen vor und nach der jeweiligen Intervention, wobei die Berechnungen davon ausgingen, dass die Wachstumsgeschwindigkeit der Fallzahlen ohne eine Intervention konstant geblieben wäre. Im Ergebnis stellten die Autoren einen signifikanten Impact der jeweiligen Maßnahmenpakete fest. Sie schätzen, dass in den untersuchten Ländern bestätigte COVID-19-Infektionen in der Größenordnung von insgesamt 62 Millionen Fällen, entsprechend 530 Millionen Infektionen, verhindert werden konnten. Ohne die Maßnahmenpakte hätte es in China 465 mal mehr bestätigte Fälle gegeben, 17 mal mehr in Italien und 14 mal mehr in den USA.

Wenngleich die Studie auf einigen vereinfachten Annahmen beruht, kann sie doch eine Größenordnung der durch die antiepidemischen Maßnahmen eingesparten Infektionsfälle und damit auch eine Entscheidungsgrundlage für den Kosten-/​Nutzeneffekt solcher Maßnahmen bieten.